{"id":349,"date":"2023-06-18T14:02:55","date_gmt":"2023-06-18T14:02:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kadirozdemir.de\/?p=349"},"modified":"2023-07-09T22:18:58","modified_gmt":"2023-07-09T22:18:58","slug":"02-05-2023-hiroshima","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kadirozdemir.de\/index.php\/2023\/06\/18\/02-05-2023-hiroshima\/","title":{"rendered":"[02.05.2023] Hiroshima"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt vieles, das ich \u00fcber Hiroshima erz\u00e4hlen k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich k\u00f6nnte \u00fcber die Karpfenzucht schreiben (Hiroshima ist weltweit eines der wichtigsten St\u00e4dte f\u00fcr Koi-Z\u00fcchter*innen), \u00fcber die in Landschaft gegossene Poesie des Shukkein Gartens, \u00fcber die Ausstellungen des Hiroshima Art Museums von internationalem Format (neben vielen international bekannten japanischen K\u00fcnstler*innen wie ASAI , KURODA, FUJISHIMA, KISHIDA, MAETA und HAYASHI finden sich DELACROIX, MILLET, BOUDIN, MANET, MONET, RENOIR, SISLEY, C\u00c9ZANNE, VAN GOGH, MATISSE, CHAGALL, PICASSO um nur einige Namen fallen zu lassen). Ich k\u00f6nnte \u00fcber kulinarische Traditionen der Stadt (neben den ber\u00fchmten Okonomiyaki warten auf Foodies unz\u00e4hlige Austerngerichte und leckere Zitronen-Udons) oder \u00fcber die ber\u00fchmten T\u00f6chter und S\u00f6hne der Stadt, wie etwa Issey Miyake. Ich k\u00f6nnte \u00fcber die minimalistischen, skulpturhaften Designs Miyakes schreiben, die ihn zu einem der weltbekannten Modemacher machten, oder dar\u00fcber, dass er als Siebenj\u00e4hriger zur Schule radelte, als das US-Milit\u00e4r die Atombombe auf die Stadt abwarf.<\/p>\n\n\n\n<p>Hiroshima.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube kaum jemand in Deutschland h\u00f6rt den Namen dieser Stadt und denkt nicht im selben Atemzug an die Atombombe. Bevor ich nach Hiroshima kam, f\u00fchrte ich eine Umfrage \u00fcber meine Social Media Kan\u00e4le durch. \u201cWas f\u00e4llt euch zu Hiroshima ein?\u201c, war die leitende Frage. So unterschiedlich die gesellschaftliche Positionierung der Teilnehmenden war, so identisch fielen die Antworten aus. Die Websuche mit deutschen, englischen, spanischen und t\u00fcrkischen Stichw\u00f6rter lieferte das gleiche Ergebnis. Hiroshimas und auch Nagasakis Wahrnehmung ist in der Gegenwart weiterhin mit dem Abwurf der Atomwaffen eng verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu Issey Miyake. Die Mutter des Designers starb wenige Jahre nach dem Atombombenabwurf an den Folgen der radioaktiven Strahlung. Viele weitere seiner Familienmitglieder starben in den Jahren darauf an Krebs. Wenn man die Opferzahlen der Atombombe auf Hiroshima recherchiert, st\u00f6\u00dft man h\u00e4ufig auf 140.000. Die Zahl bezieht sich aber lediglich auf die Todeszahlen zwischen dem 6. August 1945 um 8:15 Uhr bis zum Ende des Jahres 1945. Die meisten davon starben unmittelbar durch die Detonationswelle der Bombe, die rund 80 % der Stadt zerst\u00f6rte. Nur eine Sekunde nach der Detonation entstand ein Feuerball mit einem Radius von 22 Metern. Mit einer Oberfl\u00e4chentemperatur von bis zu 8000 Grad Celsius verbrannte er Menschen, Tiere, Pflanzenwelt in einem Umkreis von 3,5 Kilometern. Die Menschen, die au\u00dferhalb des Hypozentrums an den Folgen der radioaktiven Verstrahlung starben, sind mehr als l\u00fcckenhaft erfasst. Allgemein ist die Definition, wer zu den Opfern der Atombombe z\u00e4hlt (japanisch Hibakusha) absolut willk\u00fcrlich. Menschen, die au\u00dferhalb eines beh\u00f6rdlich sehr eng gezogenen Rahmens von der radioaktiven Verstrahlung betroffen waren, werden nicht hinzugez\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den Explosionen der Atombomben fiel ein schwarzer, \u00f6lig-klebriger Regen auf Hiroshima und Nagasaki nieder. Gro\u00dfe, geschw\u00e4rzte Wassermassen mit radioaktivem Material, die bei Kontakt mit der Haut Schmerzen ausl\u00f6sten, regneten weit \u00fcber die beh\u00f6rdlich festgelegten Zonen hinaus auf die Menschen hinab. Der schwarze Regen (kuroi ame) vergiftete Menschen, Tiere, verunreinigte die Wasserversorgung, sickerte in den Erdboden ein. Menschen, die in der Folgezeit Krebs und andere Folgekrankheiten bekamen, wurden nicht als Opfer der Atombombe anerkannt. Sie erhielten keine kostenlose medizinische Hilfe. Im Gegenteil, sie wurden von Menschen, die nichts mehr von der Bombe wissen wollten, als \u201efaule Betr\u00fcger\u201c behandelt. Der Hannoveraner Fotograf Thomas Damm hat explizit zu dem Stigma der kuroi ame hibakusha eine gro\u00dfartige Arbeit erstellt, die weiterhin auf seiner Website zu sehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Krieg und insbesondere die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki haben viele Familien von heute auf morgen auseinandergerissen. F\u00fcr die Hibakusha wurde der Aufbau neuer menschlicher Bindungen massiv erschwert durch die Ungewissheit \u00fcber die Folgen und die Reichweite der radioaktiven Verletzungen ihrer K\u00f6rper. Sie fanden nur schwer eine Arbeit oder Partnerschaften, der Staat leistete mangelhafte gesundheitliche F\u00fcrsorge. Stattdessen wurden sie vom US-Milit\u00e4r und US-\u00c4rzt*innen bis 1975 angeschaut, fotografiert, vermessen. Die Opfer der Atombombe und die Welt\u00f6ffentlichkeit gingen davon aus, dass die US-Amerikaner die \u00dcberlebenden behandeln w\u00fcrden, aber diese waren lediglich an den Kurz- und Langzeitfolgen der nuklearen Strahlung interessiert, ohne die Verletzungen der Menschen zu behandeln. Ab 1948 begann das japanische Gesundheitsministerium mit den US-Amerikanern zusammenzuarbeiten. Die Entschuldigung f\u00fcr den Umgang mit den Hibakusha kam von der japanischen Forschungsstiftung f\u00fcr Strahlenwirkung (RERF) erst im Jahr 2017: \u201eWir haben nicht daran gedacht, dass wir eine Beziehung zu unseren menschlichen Forschungsobjekten h\u00e4tten aufbauen m\u00fcssen\u201c, sagte der Pr\u00e4sident der Forschungsstiftung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hibakushas tragen die Folgen des Atombombeneinsatzes der USA bis in die Gegenwart in ihrem K\u00f6rper und ihrer Seele. Ihr Kampf um Anerkennung hat bis heute kein Ende. Sie erhalten nur F\u00fcrsorgeleistungen, wenn sie an elf festgelegten Krankheiten leiden, die sich wiederum eindeutig auf die radioaktive Verstrahlung zur\u00fcckf\u00fchren lassen m\u00fcssen, was selten eindeutig gelingt. Wer die Atombomben au\u00dferhalb willk\u00fcrlich festgelegter Gebiete \u00fcberlebte, erh\u00e4lt keine F\u00fcrsorge, selbst dann nicht, wenn eindeutig die Folgen von radioaktiver Verstrahlung nachweisbar sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Miyake hatte Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck. Er befand sich ausreichend weit weg vom Hypozentrum. Dennoch erlitt er eine Knochenmark-Erkrankung, aufgrund welcher er sein Leben lang hinkte und sich von seinem Traum, T\u00e4nzer zu werden, verabschieden musste. Interessant ist, dass Miyake \u00fcber sein Leben nach dem Atombombenangriff und die Zeit der US-Milit\u00e4rbesatzung schwieg bis er 71 Jahre alt wurde. Was auch immer seine individuellen Gr\u00fcnde waren, viele andere \u00dcberlebende der Atombombe schwiegen ebenfalls. Sie bef\u00fcrchteten soziale \u00c4chtung und Isolation. Andere, die gerade in den ersten Jahren sprechen wollten, durften es nicht. Zehn Jahre lang, hatte die US-Milit\u00e4rbesatzung den \u00dcberlebenden verboten, \u00fcber ihre Verletzungen in der \u00d6ffentlichkeit zu sprechen. Zehn leere Jahre des Entsetzens. Die USA kontrollierte die Presse und zenzierte jegliche kritische Berichterstattung. Und sp\u00e4ter st\u00f6rte der Anblick der Hibakushas- als lebende Mahnmale \u2013 die Doktrin eines nach vorn gerichteten, aufstrebenden Landes, das so schnell wie m\u00f6glich wirtschaftlich auf die Beine kommen wollte. Gleichzeitig baute die USA eine Milit\u00e4rstation nach der anderen in Japan auf. Heute sind in Japan mehr milit\u00e4rische St\u00fctzpunkte der USA als in irgendeinem anderen Land der US-Verb\u00fcndeten weltweit.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die Atombombenabw\u00fcrfe auf Hiroshima und Nagasaki global als eine einschneidende Kriegshandlung in die Weltgeschichte einging, hat es weder dazu gef\u00fchrt, dass sie danach nicht mehr eingesetzt werden (Tests von Atomwaffen ist ein verblendender Begriff, wenn die Bomben mit all ihren Umweltauswirkungen gez\u00fcndet und damit auch eingesetzt wurden), noch dass ihre Herstellung und Besitz die Weltgemeinschaft nicht mehr bedroht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die USA setzte nach Hiroshima und Nagasaki nahtlos ihre Atomwaffenz\u00fcndungen fort. Andere Staaten folgten. Der Besitz von Atomwaffen wurden zum Statussymbol, gingen einher mit dem Eintritt in einen exklusiven militaristischen Club, mit der Zurschaustellung von \u00dcberlegenheit und als t\u00f6dliche Drohkulisse f\u00fcr alle, die dem eigenen Kurs in der globalen Gemeinschaft widersprechen. Nicht zuletzt ist die Atombombe ein profitables Gesch\u00e4ft, eine verworrene Begegnungsst\u00e4tte im Schatten mit flie\u00dfendem Wertesystem.<\/p>\n\n\n\n<p>Issey Miyake ist am 05. August 2022 gestorben, ein Tag vor dem Jahrestag des Atomwaffenabwurfs. Auch die anderen \u00dcberlebenden der Atombombe sterben nach und nach. Wenn die letzte Person gestorben ist, darf ihre Geschichte nicht verloren gehen. Wir alle stehen in der Verantwortung f\u00fcr eine Zukunft ohne den Terror der Atomwaffen. Wir alle stehen in der Verantwortung zu einer Friedenserziehung an Schulen, an Universit\u00e4ten, Zuhause, in unserer Nachbarschaft, in unserer Gesamtgesellschaft. Eine Welt ohne Atomwaffen ist eine gro\u00dfe Aufgabe, f\u00fcr die wir lokal, regional, global viele Verb\u00fcndete brauchen. Den Anfang machen wir mit uns selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt vieles, das ich \u00fcber Hiroshima erz\u00e4hlen k\u00f6nnte. Ich k\u00f6nnte \u00fcber die Karpfenzucht schreiben (Hiroshima ist weltweit eines der wichtigsten St\u00e4dte f\u00fcr Koi-Z\u00fcchter*innen), \u00fcber die in Landschaft gegossene Poesie des Shukkein Gartens, \u00fcber die Ausstellungen des Hiroshima Art Museums &hellip; <a href=\"https:\/\/www.kadirozdemir.de\/index.php\/2023\/06\/18\/02-05-2023-hiroshima\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-349","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-midori"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kadirozdemir.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/349","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kadirozdemir.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kadirozdemir.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kadirozdemir.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kadirozdemir.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=349"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.kadirozdemir.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/349\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":379,"href":"https:\/\/www.kadirozdemir.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/349\/revisions\/379"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kadirozdemir.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kadirozdemir.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=349"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kadirozdemir.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}